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Autor: Daniela Hofmann
Ort: Heilbronn, Deutschland
Format: Text
Thema: Gesellschaft, Religion,
Datum: 06.07.2020
Portal: www.zocd.de
Textdauer: 10 Min.  
Sprache: Deutsch
Titel: Wer oder was ist die Rum-Orthodoxe Kirche, die ihren Ursprung in der Türkei hat?

 

 

Wer oder was ist die Rum-Orthodoxe Kirche, die ihren Ursprung in der Türkei hat?

 

Ferit Tekbas kam einst in der Türkei auf die Welt und baute sich gemeinsam mit seiner Frau in Deutschland ein Leben auf. Der gebürtige Türke ist durch und durch in seinem christlichen Glauben verankert und lebt auch danach, indem er bewusst mit seinen Mitmenschen eine Umgebung des Friedens schafft. Fragt man ihn nach seiner konfessionellen Zugehörigkeit, wundern sich viele darüber, dass er sich als Angehöriger der Rum. – Orthodoxen Kirche betrachtet, die zu den byzantinischen Kirchen zählt und eine durchaus ansehnliche Gemeinde in Deutschland aufweist. Doch wer ist nun die Rum.- Orthodoxe Kirche, die ihren Ursprung im traditionsreichen Antakya, in der heutigen Türkei, hat? Hierzu führten wir mit dem kooptierten Vorstandsmitglied des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland e.V. ein Interview.

 

Herr Tekbas, für was steht „rum.- orth.“?

Rum. – orthodox steht für unsere Konfession. Das Wort „rum“ ist abgeleitet von dem griechischen „Romeos“ und aus dem arabischen „al Ruam“. Es bezieht sich auf das „neue Rom“ in der damaligen Zeit, welches unter Konstantinopel bekannt war und auf die Bürger des byzantinischen Reiches. Diese Bezeichnung wurde im Laufe der Jahre auf unsere Herkunft übertragen. In der heutigen Zeit ist damit die Weltmetropole Istanbul gemeint. Alle Menschen die der Kirche von Konstantinopel angehörten/angehören, wurden/werden unabhängig von ihrer Herkunft, byzantinisch oder orientalisch, mit dem Namen „Rum-Orthodox“ betitelt.

Im anatolischen Raum wurde der Name erst populär, als der Populationsaustausch zwischen in Griechenland lebenden Türken und in der Türkei lebenden Griechen erfolgte. Von den Türken wurden gerne alle antiochenischen und anderen orthodoxen Christen, auch wenn sie türkischer Herkunft waren (Karamanli orthodoxen), als „Rum“ eingetragen. Damit wurde eine Grundlage geschaffen, dass diese im Zuge des Bevölkerungsaustausches auch das Land verlassen mussten. Somit waren sehr viele Menschen gezwungen, ihre Heimat aufzugeben. Antakya und die Umgebung waren nicht betroffen, da sie unter einem französischen Mandat standen.

 

In welcher Sprache wird die Theologie zelebriert?

Meistens in zwei Sprachen, dabei aber überwiegend in Arabisch und ein eher geringer Teil in der landestypischen Sprache, wo der Gottesdienst stattfindet. In Deutschland z.B. wurde mit der Zeit der Gottesdienst immer mehr in deutscher Sprache durchgeführt, da unsere Jugendlichen der arabischen Sprache nicht so mächtig sind. Die meisten rum.-orthodoxen Deutschen, die unter 40 Jahre alt sind, fordern, dass die komplette Liturgie zum besseren Verständnis in Deutsch abgehalten werden soll. Unsere Kirche und das Bistum bemühen sich, allen gerecht zu werden und versuchen es bestmöglich umzusetzen. 

 

Sie kommen ursprünglich aus der Türkei. Wundert man sich, dass Sie Christ sind?

Eigentlich nicht - die meisten Deutschen wundern sich eher, dass ich Türke bin. In den Anfängen, als ich nach Deutschland gekommen bin, war das tatsächlich so, dass man sehr erstaunt und zum Teil verwundert war,  dass es in der Türkei Christen gibt. Aber in der heutigen Zeit und im Zeitalter von Internet und der Präsenz von Vereinen wie dem ZOCD ist es nicht mehr so verwunderlich, ein türkischer Christ zu sein.

 

Sie haben einen Teil Ihres Lebens in der Türkei verbracht. Wie erging es Ihnen als Christ in Ihrer früheren Heimat?

Ich bin in Samandag / Antakya geboren und wuchs dort bis zu meinem 14. Lebensjahr auf.  Rückblickend hatte ich damals in Antakya nicht das Gefühl, das ich als Christ anders war als die anderen, die überwiegend muslimisch waren. Antakya ist sehr loyal und eine tolerante Stadt, wo sehr viele Minderheiten wie Christen, Aleviten, Juden und Armenier ein sehr freundschaftliches Miteinander mit den Muslimen praktizieren. Erst in Deutschland in der Schule wurde mir bewusst, dass es nicht so selbstverständlich ist, ein Christ aus der Türke zu sein. Da traf ich auf türkische Mitschüler, die nicht damit umgehen konnten und kein Verständnis dafür hatten, dass es türkische Christen überhaupt gibt. Ich wurde oft von ihnen bedroht, teilweise sogar mit einem Messer. Diese Mitschüler kamen aus einem sehr streng muslimischen Elternhaus und wurden zu strengen Muslimen erzogen - ohne Verständnis und Respekt anderen Religionen gegenüber. Gott sei Dank hatte ich sehr gute türkische und auch deutsche Lehrer gehabt, die mich zu meiner eigenen Sicherheit schnell in eine deutsche Klasse versetzten.

 

Können Sie sich vorstellen, dass Sie eines Tages wieder in die Türkei zurückkehren und dort als Christ Ihren Lebensabend verbringen? 

Ich lebe nun schon seit über 40 Jahre in Deutschland. Es ist meine Heimat und die Heimat meiner Kinder geworden. Wir fühlen uns hier sehr wohl. Als Rentner könnte ich mir durchaus ein Leben in der Türkei oder Griechenland vorstellen. In der Türkei habe ich mein Elternhaus; meine Mutter lebt dort. 

 

Wie viele rum.-orthodoxe Christen gibt es in der Türkei?

Das ist sehr schwer zu sagen. Meiner Kenntnis nach sind es ca. 12.000 bis 13.000 Menschen im Raum Antakya – Mersin.

 

Wie viele rum.-orthodoxe Christen gibt es in Deutschland?

Das ist genauso schwer zu sagen; wir können die Zahlen anhand der Kirchen - Mitglieder nur in etwa definieren. In den kirchlichen Kreisen wird die Zahl hierzu vorsichtig mit 25.000 beziffert.

 

Welche Rolle spielt Ihr Glaube in Ihrem Leben?

Der Glaube spielt eine sehr große Rolle in meinem Leben. Mein christlicher Glaube hilft mir in vielen Situationen friedlich zu handeln, in Stresssituationen einen kühlen Kopf zu bewahren und allen Mitmenschen mit Respekt, Toleranz und Nächstenliebe zu begegnen, wie unser Herr Jesus Christus uns gelehrt hat. Als überzeugter Christ engagiere ich mich beim ZOCD und verfasse Schriften zu theologischen Themen im Internet. Zudem habe ich Fernunterricht in unserer Theologie erhalten und in vielen theologischen Seminaren online mitgewirkt.

 

Ferit Tekbas gehörte der Vorstandschaft des ZOCD von 2017 bis 2019 als Vorstandsmitglied an und ist seit 2020 wieder als kooptierter Vorstand tätig. Weitere Informationen sind der Homepage des ZOCD mit diesem Link zu entnehmen.

 

 

Daniela Hofmann

 

 

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Vorträge – Der ZOCD bietet verschiedene Vortragsreihen an, die sich mit gesellschaftsrelevanten Themen beschäftigten. Hier geht es zum Vortragsportal

 

Anfragen sind zu richten an: ZOCD, Frau Daniela Hofmann, Rechte Brandstr. 34, 86167 Augsburg, Tel. 089 24 88 300 52, info@zocd.de