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Autor: Simon Jacob
Ort: Irak
Kategorie: Reportage
Rubrik: Gesellschaft, Politik
Datum: 29.03.2018
Portal: www.zocd.de
Textdauer: ca. 7 Min.
Sprache: Deutsch
Titel: KONTROVERS REPORT – Verzweifelte Christen im Orient
 

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KONTROVERS REPORT – Verzweifelte Christen im Orient

Seit nunmehr über sieben Jahren beteilige ich mich als Aktivist, im späteren Verlauf meines Lebens auch als freier Journalist und Vorsitzender des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland e.V. – ZOCD, an medialen Produktionen für verschiedene Formate. So zum Beispiel auch für die ARD und ihren aktuellen Bericht, welcher kürzlich über den BR ausgestrahlt wurde.

Um ehrlich zu sein, so glaube ich, dass ich anfangs in das Thema mehr hineingerutscht bin.

Doch mit der Erkenntnis, dies vor Jahren, dass Leid nicht besser wird wenn man es ausblendet, fasste ich den Entschluss gegen meine Familie, meine Ehe und meinen sehr komfortablen Beruf in einem globalen Unternehmen mit einem opulenten Managergehalt, aktiv zu werden.

Nun, nach den vielen Reportagen, sowohl mit den öffentlich – rechtlichen als auch über die neuen Medien, betrachte ich ein wichtiges Ziel als erreicht.

Die Sensibilisierung der Gesellschaft für fundamentale Probleme unserer Zeit.

Auch wenn ich zu Beginn meiner Aktivitäten davon ausgegangen bin, dass die Religion, in diesem Fall der Islam, Hauptfaktor all des Leides und der Gewalt ist, so muss ich heute, nach sieben Jahren, diesen Blick auf den Islam als Religion korrigieren, allerdings nicht revidieren.

Der orthodoxe und politische Islam mit der Scharia als Rechtskorpus und die gesamte Gesellschaft, vom Unternehmertum bis zum Privatleben, alles regelnd, ist eine Komponente des Puzzles, welches global betrachtet die Welt in Aufruhr versetzt.

Besonders die Tatsache, dass Religion patriarchalische Gesellschaftsformen legitimiert, dies ist sowohl im orthodoxen Christentum als auch im orthodoxen Judentum zu erkennen und verhält sich in feudalen Strukturen wie beispielsweise in Japan (auch hier habe ich einige Zeit verbracht), nicht anders, trägt dazu bei, dass der Spiritualität als Faktor immenser Spielraum beigemessen wird, sodass Religion auch  im politischen Sinne Macht erhält.

Aber wie gesagt, es ist eben ein Faktor unter vielen. Die Unzufriedenheit junger Bürger mag im Fundamentalismus islamischer Prägung enden. Doch ist dies nicht der Ausgangspunkt einer frustrierten Gesellschaft, die demographisch enorm zugelegt hat, ohne Jobs und Perspektiven in Aussicht zu stellen. Die genug von Kriegen und Auseinandersetzungen hat, welche durch immer neue Waffenlieferungen, im Besonderen durch die Überschwemmung der Region mit Handfeuerwaffen, zu leiden hat. Und da ist der sogenannte Westen noch nicht einmal der größte Lieferant.

Die Gesellschaft ist es einfach müde, sich der Korruption, Vetternwirtschaft und leider notwendigen Bestechung hinzugeben, um einen Studienplatz an einer Universität zu erhalten oder einen der heißbegehrten Arbeitsplätze beim Staat.

Mehr noch als der „nicht funktionierende“ Staat, der hinter patriarchalischen Strukturen nur den Anschein demokratischer Grundzüge vermittelt, ist es die Ausbeutung der Energievorkommen und Transitrouten für zukünftige Energietrassen, die letzten Endes Grund für die vielen Konflikte sind und welche unter Beteiligung des sogenannten Westens zu Kriegen führen können.

Und zu guter Letzt, als einer der wichtigsten Komponenten überhaupt, ist es die Stellung der Frau und die Akzeptanz dieser als vollwertiger Mensch, welches der entscheidende Faktor ist, ob sich Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Gleichheit zwischen den Geschlechtern, Akzeptanz der sexuellen Ausrichtung usw.…. durchsetzen. Das meine ich ernst.

Damit verbunden ist auch das Schicksal der verbliebenen wenigen Christen im Nahen Osten, die auch eine ethnische Identität haben.

Wahrscheinlich hat das Vergessen um diese Identität, unabhängig davon ob sie sich nun in der Türkei als Suryoye, als Assyrer (Iran, Irak), Chaldäer (Irak) oder neuerdings in der Diaspora als Aramäer bezeichnen, mit zu diesem massiven Exodus geführt. Als Ethnie die akzeptiert wird, ein gutes Beispiel hierfür sind die Kurden, wird man global und in Verbindung mit dem UN – Völkerrecht wahrgenommen. Im Gegenteil zu einer religiösen Minderheit, die die Christen im Nahen Osten nun einmal darstellen.

Persönlich bin ich, nach all den Jahren und den körperlichen, geistigen und auch finanziellen Strapazen, die mich gesundheitlich weit über die Grenzen des Zumutbaren gebracht haben, zu einer nüchternen Erkenntnis gelangt:

Die Christen als solche werden im Nahen Osten nicht überleben.

Die letzten Reste von ihnen werden, wie es einst die jüdischen Gesellschaften taten, den Weg Richtung Westen antreten.

Übrigbleiben werden Klöster und Kirchen, die zu Museen verkommen und zukünftig Touristen, mit dem einen oder anderen Mönch an der Schwelle zum Altar, bei einem Sonntagsgottesdienst als Kulisse für ein schönes Urlaubsfoto dienen.

Als Ethnie, sofern sie selber, die Suryoye, Assyrer, Chaldäer, Aramäer, Maroniten, … Einigkeit erringen, könnten als Ethnie unter der UN eine Lebensberechtigung in Form von Autonomie in der Ninive-Ebene finden.

Für mich endet nun auch die Reise hier.

Mein Buch, welches meine Erlebnisse schildert, ist fertigstellt.

Alle Reportagen, die es zu drehen galt, sind gedreht worden.

Meine Familie muss ich mir wieder aufbauen.

Meine Ehe existiert nicht mehr.

Meine finanzielle Situation ist überstrapaziert.

Meine Gesundheit an einem kritischen Punkt angelangt.

Nun ist es Zeit, alles wieder in Ordnung zu bringen.

Als Christ glaube ich an die Auferstehung.

Und dies nicht nur nach dem Tod.

Ich glaube daran, fest verankert an die Fähigkeiten die die Schöpfung dem Menschen gab, dass wir, egal wie miserabel die Situation oft aussieht, wir auch eine bessere Situation schaffen können, indem wir aus der Erfahrung schöpfen und uns alle verbessern.

Ich wünsche allen Freunden, egal ob nun gläubig oder nicht gläubig, ein wunderbares Osterfest, fest verwoben mit den Gedanken an die Widergeburt des Geistes und des Körpers.

Simon Jacob,
Freier Journalist

 

Zur Reportage:

Verzweifelte Christen im Orient

28.03.2018 | 11 Min. | Verfügbar bis 29.03.2023 | Quelle: © Bayerischer Rundfunk

Der sogenannte Islamische Staat gilt militärisch als besiegt - trotzdem sehen viele Christen im Irak keine Zukunft und wollen so schnell wie möglich von dort weg. Das berichtet unser Kollege Stefan Meining, der in den vergangenen Jahren immer wieder in der Region unterwegs war und vor wenigen Tagen aus dem Nordirak zurückgekehrt ist.

 

 

Buchtipp:

Seit Jahren reist Simon Jacob durch Länder wie Syrien, Irak oder Iran. Als Angehöriger eines wichtigen Clans gelangt er an Orte, die für andere nie zuganglich waren. Dort spricht er mit Menschen, immer auf der Suche: der Suche nach Frieden, auch seinem eigenen Inneren. Seine Reise schildert auch die Schrecken dieser Kriegsgebiete. Aber mehr noch zeigt dieses Buch, dass und wie Friede wirklich möglich ist. Eine Botschaft, die vor allem in diesen Tagen Mut und Hoffnung macht und motiviert, zu kämpfen für eine bessere Zukunft und für etwas, was Simon Jacob ausgerechnet im Irak und in Syrien wiedergefunden hat: Menschlichkeit.

 

 

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