
Bild & Quelle: Dr. Jens Kreinath
Über Dr. Jens Kreinath:
Jens Kreinath (*1967; Dipl.-Theol. 1997; Dr. phil. 2006) ist Associate Professor für Sozial- und Kulturanthropologie an der Wichita State University. Er studierte evangelische Theologie, Philosophie und Religionswissenschaft als parallele Hauptfächer in unterschiedlichen Magisterstudienprogrammen und promovierte - nach einem einjährigen Studienaufenthalt am Connecticut College und der Teilnahme an mehreren mehrjährigen Forschungsprojekten - in Ethnologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.
Seine Lehrschwerpunkte liegen entsprechend in den Bereichen Religionsethnologie, Ritualtheorie, Linguistik, Semiotik und Ästhetik. Seine Forschungsinteressen umfassen die kulturellen Dimensionen von interreligiösen Beziehungen im östlichen Mittelmeerraum insbesondere in der Region von Antakya und dem syrisch-türkischen Grenzgebiet.
Kreinath ist international für seine Arbeiten zur Religionsästhetik und Ritualsemiotik anerkannt, so prägte etwa 2014 den Begriff der ‚Interritualität" für die Erforschung interreligiöser Beziehungen als Gastprofessor in Oslo. Er ist Mitherausgeber maßgeblicher wissenschaftlicher Werke wie The Dynamics of Changing Rituals (Lang, 2004), Theorizing Rituals (Brill, 2006-2007), The Anthropology of Islam Reader (2011) sowie Narrative Cultures and the Aesthetics of Religion (Brill, 2020). Für den ZOCD ist er seit 2025 ehrenamtlich als Publizist und Experte tätig.
Alarmierende Berichte über systematische und vorsätzliche Massentötungen im Westen Syriens haben in den letzten Tagen die Schlagzeilen verschiedener internationaler Medien gefüllt. Es ist die Rede von zunehmenden Hinweisen auf konfessionelle Gewalt und gewaltsamen Zusammenstöße zwischen einer neu gebildeten Gruppe von Pro-Assad-Aufständischen und Anhängern der syrischen Übergangsregierung. Angeblich besteht die Gruppe hauptsächlich aus Angehörigen der alawitischen Minderheit und wird von bekannten Persönlichkeiten wie Miqdad Fattihah und dem ehemaligen Kommandeur der 42. Brigade des Assad-Regimes Ghiath Dalla angeführt.
Der UN-Menschenrechtsbeauftragte hat bereits rasches Handeln gefordert, und Syriens neuer Staatschef Ahmed Hussein al-Sharaa (alias Abu Mohammad al-Jolani) hat versprochen, einen Ausschuss zu bilden, der die weithin berichteten massenhaften Rachemorde untersuchen soll. Was in den meisten dieser Berichte zu fehlen scheint, ist eine klare Aussage, die auf den systematischen und vorsätzlichen Charakter der Tötung von Alawiten in den syrischen Latakia, Tartus und Hama hinweist.
Die kürzlich veröffentlichten Berichte über Videobeweise belegen eindeutig, dass die Gewalt in Syrien im Ausland von einigen eingebürgerten europäischen Staatsbürgern syrischer Herkunft gefeiert wird. Dies ist jedoch nicht der einzige beunruhigende Beweis: Diejenigen, die Hassreden verbreiten und zu Gewalt aufstacheln, scheinen von einem aufmerksamkeitsheischenden Unternehmertum getrieben zu sein. Sie verstärken ihre Rhetorik, um Aufmerksamkeit zu erregen, die Einschaltquoten zu steigern und Ruhm und finanzielle Gewinne zu maximieren. Die raffinierten Videos im TikTok-Stil, die sie über ihre Sozialen Medien teilen, bejubeln die Gräueltaten zu eingängigen Melodien und fördern aktiv weitere Gewalt.
In einem kürzlich erschienenen Artikel im Spectator beschreibt Paul Woods treffend die zermürbenden Darstellungen in den sozialen Medien: "Sie filmen sie, feiern sie, posten sie auf X." Es gibt Videos aus Syrien, "die zeigen, wie islamistische Kämpfer verängstigte alawitische Männer dazu bringen, auf Hände und Knie zu gehen und wie Hunde zu heulen". Die Opfer werden gezwungen, "eine blutbespritzte Straße entlang zu kriechen, während ein bärtiger Bewaffneter sie mit einer Holzstange erschlägt. Die Kamera kommt auf einem halben Dutzend Leichen zur Ruhe. Dann hören wir Gewehrschüsse".
Unter abscheulichen Beiträgen in den sozialen Medien finden sich zahlreiche Videoaufnahmen, die zumeist von den Kämpfern selbst gefilmt wurden und die eindeutigen Beweise für die Beteiligung bewaffneter regierungsnaher Gruppen an diesen Gräueltaten liefern. Zahlreiche Augenzeugenberichte beschreiben, wie uniformierte Männer in alawitischen und christlichen Vierteln von Haus zu Haus gehen und sich nach der religiösen Identität und dem Wohnort der Menschen erkundigen, bevor sie kollektive Verhaftungen vornehmen. Es gibt auch Augenzeugenberichte, die von öffentlich angekündigten Massenexekutionen sprechen, denen ganze Familien, einschließlich Kinder und Säuglinge, zum Opfer fallen. Obwohl hauptsächlich Alawiten das Ziel waren, wurden auch einige Christen nicht verschont, ebenso wenig wie sunnitische Muslime, die verdächtigt wurden, der alawitischen Zielbevölkerung Unterschlupf zu gewähren.
Die zynische Selbstdarstellung der Täter in diesen Videos und ihre Verderbtheit kennen keine Grenzen und sind kaum zu überbieten. Ihr menschenverachtender Hass ist klar und deutlich sichtbar. Leichen werden in Gräben geworfen, verbrannt oder der Verwesung überlassen. Häuser werden systematisch zerstört und dann angezündet. All dies geschieht, um sicherzustellen, dass die Überlebenden keine Überlebensmöglichkeiten mehr haben. Selbst diejenigen, denen die Flucht gelungen ist, werden bis in abgelegene Bergregionen gejagt, wo sie gezwungen sind, sich von Gras und Blättern zu ernähren, wie Augenzeugenberichte in den sozialen Medien berichten.
Bild links: Aufgenommen am 8. März 2025, am Morgen Bild rechts: Aufgenommen am 9. März 2025, 13 - 14 Uhr
Quelle: Anonym, am 11. März 2025 auf FB veröffentlicht Quelle: Moutaz M. Hassan, am 13. März 2025 auf FB veröffentlicht
Bilder: © Dokumentierter Beweis für die Ermordung von Muhammad Hassan und seiner Familie in ihrem Haus im Stadtteil Al-Qusour von Baniyas (mit Genehmigung von Moutaz M. Hassan, dem Bruder des Opfers, reproduziert).
Die syrische Übergangsregierung und Hay'at Tahrir al-Sham (HTS) müssen für die Gräueltaten, die unter ihrer Aufsicht geschehen, zur Rechenschaft gezogen werden. Sie müssen sich für die Vorwürfe von Kriegsverbrechen und systematischer und vorsätzlicher ethnischer Säuberung der Alawiten verantworten, wie im Fall der Familie Hassan. Die gesamte Familie wurde am Freitag, dem 7. März 2025, um 13:30 Uhr in ihrem Haus in der Nachbarschaft von Al-Qusour in Baniyas abgeschlachtet: Muhammad Hassan, ein Mathematiklehrer, seine Frau Lina Jannoud, eine Lehrerin für Naturwissenschaften, ihre dreijährige Tochter Manissa (wie später vom Bruder bestätigt) und seine Mutter Nada Abdullah. Die Echtheit des anonymen Familienfotos mit den Leichen wurde angezweifelt und zunächst Verbrechen in anderen Regionen wie der Ukraine und dem Irak zugeschrieben. Die syrische Plattform „Verify-Sy“ hat jedoch die Echtheit des Bildes bestätigt. Die anhaltenden Massaker und damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen, die deutliche Anzeichen für ethnische Säuberungen aufweisen, werfen einen dunklen Schatten auf die Zukunft Syriens.
Bislang gab es keinen einzigen Hinweis auf versprochene oder zugesicherte rechtliche Schritte zur Aufarbeitung der Kriegsverbrechen des Assad-Regimes und der von Al-Qaida, ISIS, Al-Nusra oder anderen Gruppen, die jetzt mit der regierenden HTS verbunden sind, begangenen Gräueltaten. Das Versäumnis, vergangene Gräueltaten aufzuarbeiten und die Unfähigkeit, weitere Gräueltaten zu verhindern, stellt eine unwiderruflich verpasste Gelegenheit für die Übergangsregierung und ihre Unterstützer dar, ein echtes Engagement für die nationale Einheit zu zeigen.
Zu lange haben die internationalen Medien in scheinbar stiller Zustimmung zu den Ereignissen in Syrien geschwiegen. Viele Darstellungen in den Medien tragen dazu bei, irreführende Narrative und aufrührerische Rhetorik über die Alawiten aufrechtzuerhalten, die hauptsächlich als Assad-treue Unterstützer und darum als Täter bezeichnet werden. Sie werden fast nie als Opfer gesehen. Was nicht berichtet wird, ist, dass sich viele Alawiten aktiv und offen an den Demonstrationen und dem Widerstand gegen das Assad-Regime beteiligt haben. Viele von ihnen wurden unter der Herrschaft von Hafiz Assad (1970-2000) und seinem Sohn Bashar (2000-2024) jahrzehntelang inhaftiert oder waren von der Ermordung durch das Regime bedroht.
Anstatt unter der neuen Regierung Frieden zu finden, dokumentieren sie nun weiterhin die Gräueltaten in ihren Dörfern und Städten. Für viele derjenigen, die am Aufstand gegen das Assad-Regime teilgenommen haben, fühlt es sich an wie eine posttraumatische Wiederholung der Ereignisse in den ersten Monaten des Aufstands 2011. Die vorherrschende und stark vereinfachte Wahrnehmung des Assad-Regimes als "alawitisches Regime" diente den paramilitärischen und regierungstreuen Sicherheitskräften als Vorwand, um ethnische Säuberungen und Massentötungen durchzuführen. Laut dem syrischen Gelehrten Professor Basileus Zeno (Trent University, Kanada) sind „diese Gewaltakte nicht nur Vergeltung für die Tötung von mehr als 13 Mitgliedern der Allgemeinen Sicherheitskräfte der neuen Regierung in der Nähe von Jableh (Gouvernement Latakia) am 6. März, sondern auch ein Versuch, die gesamte alawitische Gemeinschaft für Assads Verbrechen verantwortlich zu machen und damit weitere ethnische Konflikte zu schüren.“
Die Beweise, die von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) und dem Syrischen Netzwerk für Menschenrechte (SNHR) zusammen mit ihren Teams aus Fachleuten und Freiwilligen akribisch gesammelt und kritisch ausgewertet wurden, sind erheblich und unbestreitbar. Für Rechtswissenschaftler, die sich mit diesem Fall befassen, deuten die Beweise auf eine vorsätzliche und beabsichtigte Form der ethnischen Säuberung hin, auch wenn die von den Opfern gesammelten konkreten Beweise von den Tätern systematisch vernichtet werden. Einige Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch (HRW) und das Syria Justice and Accountability Centre (SJAC) arbeiten jedoch aktiv mit betroffenen Personen zusammen, um Beweise zu sammeln und Zeugenaussagen zu überprüfen.
Der systematische, orchestrierte und vorsätzliche Charakter der Tötungen von Alawiten steht laut den oben genannten Dokumentations- und Informationszentren außer Frage. Professor Zeno, der mit den Rohdaten, wie der statistischen Zahl der Todesopfer, vertraut ist und direkt mit den Zeugenaussagen der Überlebenden zu tun hat, warnt davor, dass dies „die größte Zahl an sektiererischen Massakern in einem so kurzen Zeitraum werden könnte, die mit dem Völkermord in Ruanda (1994) und dem Massaker von Srebrenica (1995) vergleichbar ist, wenn die Mordserie weitergeht“. Wenn die Europäische Union und ihre Regierungen zu diesem Thema schweigen, machen sie sich letztlich mitschuldig an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für die die syrische Übergangsregierung vor Gericht zur Rechenschaft gezogen werden wird.
© Auf Facebook gepostet von der „Civil Peace Group -Seen مجموعة السلم الأهلي – سين“, einem Gemeindezentrum · Nichtregierungsorganisation (NGO), am 12. März 2025 um 8:32 Uhr