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Autor: David Fuhrmann
Ort: Deutschland
Format: Text
Thema: Politik, Gesellschaft, Minderheiten
Datum: 18.08.2020
Portal: www.zocd.de
Textdauer: 5 min.
Sprache: Deutsch
Titel: 105 Jahre Genozid
 
 
 

105 Jahre Genozid

 
Die Türkei, als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches, leugnet bis zum heutigen Tag den Genozid an den indigenen Völkern des Osmanischen Reiches. Gerade für die Nachfahren der Deportierten und Verschleppten (Armenier, Suryoye (Assyrer, Chaldäer, Aramäer), Pontos - Griechen…) ist das eine schwere Situation, weil das Trauma über Generationen hinweg vererbt wird.
 
Wir haben dazu ein Gespräch mit dem Soziologen Kenan Araz geführt, der sich akademisch mit dem Thema intensiv beschäftigt hat.
 
Kenan Araz wurde 1964 in Midyat (Tur Abdin) geboren, wo er auch die dortige Klosterschule Mor Gabriel besuchte. Er hat an der Universität Ankara, sowie der Universität Göttingen studiert und arbeitet seit 2002 als Berater im Aktionsbüro Einbürgerung in NRW und seit Mitte 2013 als Psychosozialberater bei der Medizinischen Flüchtlingshilfe in Bochum und Hattingen. Kenan Araz ist Vorstandsmitglied des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland e.V.
 

Herr Araz, sind Sie persönlich vom Thema betroffen?

Ja bin ich! Meine gesamte Familie geht auf Überlebende des Völkermordes zurück. Mein Großvater stammte aus dem Dorf Awerdo, in dem sich ca. 950 Männer und ihre Familien während dem Genozid verschanzt hatten. Dort geschah es auch das erste Mal in der Geschichte der Syrisch-Orthodoxen, dass die Kirche zur Selbstverteidigung aufrief und auch die Leute dort in Schutz nahm. Dadurch hat mein Großvater überlebt während viele andere Familienmitglieder getötet wurden. Für viele Menschen in der Türkei gelten wir deswegen leider immer noch als „Schwertüberlebende“. Das ist einer der Gründe, warum mein 1915 ermordeter Onkel Hanuno Gabriel erst diese Woche endlich seinen Grabstein bekommen hat, der auf dem Bild zu sehen ist.
 

Ist das der Grund für Ihre akademische Auseinandersetzung mit dem Thema gewesen?

Ja, das war es zum Teil. Ich habe zuerst Archäologie und Assyriologie studiert, habe aber nach meiner Ankunft in Europa zu Soziologie gewechselt und mich dort mit dem Thema beschäftigt. Dabei widmete ich mich nicht nur dem Völkermord an den Suryoye sondern auch den Genoziden an den Armeniern, Pontos-Griechen, Juden, sowie Sinti und Roma und verglich diese untereinander. Dabei zeigte sich vor allem, dass die Schuld und Scham in der Familie weitergegeben wurden. Die Deutschen haben es geschafft, ihre Geschichte zu verarbeiten. Das zeigt sich auch in der Wirtschaft und Rechtsstaatlichkeit des Landes. Sie haben den Großteil der Ermordeten entschädigt und darüber aufgeklärt. In der Türkei ist etwas Derartiges bis heute nicht passiert.
 

Weshalb sollte sich die Welt, 105 Jahre nach den Ereignissen, überhaupt mit solch einer politisch brisanten Sache beschäftigten?

Der IS hat 2014 eigentlich das Gleiche gemacht wie damals die Osmanen oder später die Nazis: Die Menschen wurden in angebliche Über- und Untermenschen eingeteilt. Dabei spielt es keine Rolle ob es sich um Arier und Juden oder um Osmanen und Armenier handelt. Im Falle des IS waren es alle Menschen, die den Koran nicht so auslegten wie sie. Der Unterschied heute zu den Geschehnissen vor 105 Jahren ist, dass die Welt reagiert hat. Damals gab es nur wenige Bilder, Videos und Berichte, die das Morden dokumentierten. Die Scharia betrachtet heute immer noch zu viele als Gesetz und damit verpflichtend. Das birgt viele Gefahren, vor allem auch für Europa. In dem Buch „Ordnung des Terrors“ wird die Frage gestellt, wie Nazis nach getaner Arbeit, wo sie Menschen möglichst effizient ermordeten, einfach glücklich nach Hause gingen und bei einem Feierabendbier ihre Kinder umarmen konnten. Sie taten es, weil sie es durften und vor allem auch sollten. Es war ihre Pflicht. Der Völkermord an den Jesiden in Shingal durch den IS war das gleiche. Sie sahen es als ihre Aufgabe an, die ihnen der Koran vorschrieb.
 

Welche Erkenntnisse ergeben sich für die Gegenwart (Ruanda, Jesiden, Holocaust…) daraus?

Wenn die Umstände passen und es den Menschen erlaubt ist, dann machen sie es. Dabei beginnt ein Völkermord bereits im Kopf, bevor irgendjemand stirbt. Sobald eine Gruppe daran denkt und plant, die andere zu vernichten, gilt das in der Völkermordstheorie als Genozid. Die Mittel und Methoden dabei sind für die Definition nicht entscheidend. Das erkennt man an allen Völkermorden, unabhängig ihres Ausmaßes.
 

Was wünschen Sie sich vom Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches, der Türkei, um das Thema endlich, auf Basis des gegenseitigen Respekts, aufzuarbeiten?

Am wichtigsten wäre eine Anerkennung des Völkermordes durch die Türkei. Eine Entschädigung der Opfer ist ebenfalls längst überfällig. Hierbei kann sich die Türkei in meinen Augen ein Beispiel and Deutschland und die Entschädigung der Juden und anderen Opfern der Nationalsozialisten nehmen. In der Türkei sind neben den Opfern auch die Nachkommen der Täter traumatisiert, denn sie hatten nie die Gelegenheit, das zu verarbeiten. Es wurde nie über die Geschehnisse von damals gesprochen. Mein Wunsch ist, dass diese Menschen endlich in Frieden und ohne Hass zusammenleben können. Dafür würde ich mir mehr Begegnungen und Austausch vor allem in der Türkei wünschen. Man sieht das auch hier in Deutschland, wenn Menschen mit unterschiedlichen Migrationshintergründen aufeinandertreffen. Dadurch könnte die Welt etwas besser werden.

 

Was erwarten Sie von der deutschen Politik zum Thema?

Vor 105 Jahren hat das Osmanische Reich mehr als 100 Millionen Lyra an das Deutsche Reich für Waffen und militärische Ausbilder gezahlt. Die Aufarbeitung nach dem zweiten Weltkrieg hat Deutschland zu einem neuen Land gemacht. Das sollte die Türkei auch machen. Ich würde mir vor allem mehr Druck von Deutschland auf die Türkei wünschen. Gleichzeitig sollten wir sie aber auch unterstützen, und ihnen mit unserer eigenen Erfahrung in dem Gebiet helfen. Bei den vielen Konflikten, die zurzeit im und um das Mittelmeer toben, wurde oft Merkel als erfolgreiche Vermittlerin hinzugezogen. Das zeigt, dass wir Frieden stiften können und auch sollten. Mehr als wir es bis jetzt machen.
 
Danke Herr Araz, für das interessante Interview.
 
David Fuhrmann
23.08.2020
 
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