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Autor: Ferit Tekbas

Ort: Deutschland

Format: Text

Thema: Religion, Gesellschaft

Datum: 27.02.2024

Portal: ZOCD.DE

Textdauer: 5 Minuten

Sprache: Deutsch

Titel: Über den Rechtsextremismus in Deutschland - Ein Interview mit Bischof Dr. Hanna Haikal

 

 

Über den Rechtsextremismus in Deutschland - Ein Interview mit Bischof Dr. Hanna Haikal

  

Seit dem Geheimtreffen einiger AfD-Politiker in Potsdam, gibt es eine gewisse Unruhe in der Gesellschaft. Manche sind verunsichert und viele setzen nun lauter denn je, ein Zeichen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung. Auch die Kirchen positionieren sich öffentlich gegen jede Form der Radikalisierung. Es gibt jedoch auch unter Christen eine Tendenz dazu, rechtsextreme Parteien zu wählen. In einem Interview spricht Ferit Tekbas mit Eminenz Hanna Haikal, rum-orthodoxer Bischofsvikar für Mitteleuropa und Deutschland über den Rechtsextremismus in Deutschland.  
 
 
(Bischof Dr. Hanna Haikal; Bildquelle: Dr. Hanna Haikal)  
 
 
Über Hanna Haikal 
Hanna Haikal wurde unter dem Namen Johannes Haikal am 7. Juni 1967 in Jouret Arsoun in Libanon geboren. Er ist Bischofsvikar der Antiochenisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland und Mitteleuropa des Griechisch-Orthodoxen Patriarchats von Antiochien. Nach seinem Abitur in der Schule des Klosters Balamand in Libanon, studierte er orthodoxe Theologie an der Aristoteles-Universität Thessaloniki und schloss mit dem Diplom der orthodoxen Theologie ab. Am 1. Dezember 1995 erfolgte durch Georges Khodr seine Diakonenweihe im Libanon, woraufhin eine Promotion an der Universität Thessaloniki folgte. Er schrieb eine Dissertation über das Thema „Die Präsenz der Dämonen im Leben des Menschen nach dem Heiligen Johannes Chrysostomos.“ 1997 wurde er im Libanon zum Priester geweiht. Zwei Jahre später wurde er zum Priester und Gemeindevorsteher der St.-Georgios-Gemeinde zu Berlin. Im Jahr 2011 wurde er schließlich zum Bischof geweiht, mit dem Titularbistum von Palmyra. Bischof Dr. Hanna Haikal ist neben dem Metropoliten Isaak Barakat einer von zwei Bischöfen des Griechisch-Orthodoxen Patriarchats von Antiochien in Deutschland. Sein Sitz befindet sich in Berlin.
 
 

Euer Eminenz, wie hat das Geheimtreffen einiger AfD-Politiker in Potsdam und das Bekanntwerden ihrer Pläne zur Abschiebung von Ausländern auf Sie, Ihre Familie, Ihre Gemeinde oder Ihr Umfeld gewirkt? 

Zunächst einmal vielen Dank, dass Sie mir die Gelegenheit gegeben haben, über dieses Thema zu sprechen. Es besteht keinen Zweifel, dass all diese Ideologie im Widerspruch zum christlichen Denken und den Lehren Jesu steht, die Liebe, Vergebung und die Akzeptanz anderer so wie sie sind, fordern. 

Das ist sicherlich eine besorgniserregende Situation. Es ist wichtig, dass solche Pläne und Treffen öffentlich gemacht werden, damit angemessen darauf reagiert werden kann. Es ist wichtig, dass wir uns als Gesellschaft gegen Diskriminierung und Ausgrenzung einsetzen und für eine offene und tolerante Gesellschaft eintreten. 

  

Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland haben eine Botschaft an die Bevölkerung herausgegeben, in der sie sich gegen alle Formen der Radikalisierung wenden. Hat sich die Orthodoxe Kirche in Deutschland oder Ihre Kirche ebenfalls öffentlich zu einer solchen Botschaft bekannt? 

Die Antiochenisch-Orthodoxe Kirche ist eine vielfältige Kirche, die aus mehreren Nationalitäten im Nahen Osten besteht. Radikalisierung ist für unsere Mitglieder ein Fremdwort. Religiöse Institutionen sollten sich gegen Radikalisierung in jeglicher Form aussprechen und zur Toleranz und Verständigung aufrufen. Solche klaren Positionierungen können dazu beitragen, die Gesellschaft zu stärken und Extremismus entgegenzuwirken.

 

Orientalische Christen in Deutschland und Europa mussten in der Vergangenheit wegen islamistisch-extremistischer Gewalt und Rassismus aus ihren Heimatländern fliehen. In Deutschland gibt es gerade unter Christen aus dem Nahen Osten eine Tendenz, rechtsextreme Parteien zu wählen, wenn auch nicht in großer Zahl. Was könnte Ihrer Meinung nach der Grund für die Wahl einer rechtsextremen Partei sein?

Die Entscheidung, eine rechtsextreme Partei zu wählen, kann verschiedene Gründe haben. Einige orientalische Christen könnten sich von rechtsextremen Parteien angezogen fühlen, da sie sich möglicherweise von deren Positionen zur Migrationspolitik angezogen fühlen. Darüber hinaus könnten negative Erfahrungen mit extremistischer Gewalt und Rassismus in ihren Heimatländern zu einer Ablehnung von bestimmten Migrantengruppen führen. Es ist unerlässlich, diese Themen sensibel zu behandeln und die individuellen Erfahrungen und Perspektiven zu berücksichtigen, um eine umfassende Unterstützung und Integration zu gewährleisten. 

  

Welchen Rat würden Sie den Menschen in Deutschland und vor allem den orientalischen Christen geben, wenn es um das Thema Rechtsextremismus geht?

Es ist besonders ratsam, sich aktiv über die Positionen und Programme der politischen Parteien zu informieren und diese kritisch zu hinterfragen, insbesondere im Hinblick auf die Migrationspolitik und die Toleranz gegenüber Minderheiten. Zudem sind der Dialog und Austausch innerhalb der Gemeinden und mit anderen Gruppen wichtig, um Vorurteile abzubauen und ein solidarisches Miteinander zu fördern. Auch die Unterstützung von Initiativen und Organisationen, die sich gegen Extremismus und Rassismus engagieren, kann dazu beitragen, ein Bewusstsein für diese Themen zu schaffen und konkrete Maßnahmen zu unterstützen.

  

Welche Maßnahmen können Ihrer Meinung nach von den Kirchen oder von zivilgesellschaftlichen Organisationen gegen den Extremismus in Deutschland ergriffen werden?

Die Kirchen und zivilgesellschaftlichen Organisationen können eine Vielzahl von Maßnahmen ergreifen, um Extremismus in Deutschland entgegenzuwirken. Dazu gehören unter anderem die Förderung von interkulturellem Dialog und Austausch, die Organisation von Aufklärungskampagnen über Extremismus und Radikalisierung sowie die Unterstützung von Integrationsprogrammen für geflüchtete und migrierte Menschen. Zudem können sie sich aktiv für die Stärkung von demokratischen Werten, Toleranz und Vielfalt einsetzen und Projekte zur Prävention von Extremismus initiieren. Der Aufbau von Netzwerken und Kooperationen mit anderen Akteuren, wie staatlichen Stellen, Bildungseinrichtungen und anderen Religionsgemeinschaften, ist ebenfalls wichtig, um gemeinsam gegen Extremismus vorzugehen.

  

Was steht in der Bibel oder was sagen die heiligen Väter der orthodoxen Kirche zum Thema Rassismus und Extremismus?

Die ganze Bibel ist eine Einladung für Liebe und Einheit. Selbst das Wort „Kirche“ „auf Griechisch“ Εκκλησία ‘ bedeutet eine Einladung für Zusammensein.

In Apostelgeschichte 10:34, 35 heißt es, „dass Gott nicht parteiisch ist, sondern dass für ihn in jeder Nation der Mensch, der ihn fürchtet und Gerechtigkeit wirkt, annehmbar ist“. Aus diesem Grund kann niemand mit Recht eine „Rasse“ über die andere stellen.

Jesus legte den Maßstab für Christen fest, als er zu seinen Jüngern sagte: „Ihr alle [seid] Brüder“ (Matthäus 23:8). Er betete darum, dass unter seinen Nachfolgern Einheit herrscht und „sie vollkommen eins gemacht werden“; es sollten keine Spaltungen oder Trennungen unter ihnen bestehen (Johannes 17:20-23; 1. Korinther 1:10).

 

 

Ich danke Ihnen, Eminenz, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit uns zu sprechen.