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Die von den einzelnen Autoren veröffentlichten Texte geben ausschließlich deren Meinung wieder und nicht die der bearbeitenden Redaktionen und Veröffentlichungsplattformen
  
Autor: Simon Jacob
Ort: Augsburg, Deutschland
Format: Text
Thema: Gesellschaft, Religion
Datum: 11.12.2020
Portal: www.zocd.de
Textdauer: ca. 6 Min.
Sprache: Deutsch
Titel: Freiheit im Glauben – Ein langer und beschwerlicher Weg
 
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Freiheit im Glauben – Ein langer und beschwerlicher Weg

 
Im Hinblick auf die Entwicklung dessen, was die westlich orientierte Welt, verankert in der UN Charta, als Religionsfreiheit bezeichnet, bat man mich, einen Artikel über die Waldenser, eine verfolgte reformorientierte Minderheit in Europa, zu verfassen, in dem es um den „Kampf“ um die Freiheit im Glauben, die Freiheit seinen Glauben zu wechseln oder auch die Freiheit an nichts glauben zu dürfen, geht. Die Geschichte der „Waldenser“ und ihrer brutalen und gewaltvollen Verfolgung begann vor 800 Jahren in Europa. Im 12. Jahrhundert lebte ein Mann namens „Waldes“ in der Stadt Lyon, im heutigen Frankreich gelegen. Er entstammte der bürgerlichen Schicht, war ein gut betuchter Kaufmann und fragte sich, ob er als reicher Mann jemals sein Seelenheil finden könne. Die Antworten der damaligen Priester stellten ihn nicht zufrieden und da damals religiöse Schriften ausschließlich in Latein verfasst wurden, konnte Waldes die sakralen Inhalte nicht eigenständig interpretieren. Er entschloss sich, zwei Geistliche damit zu beauftragen, die Heilige Schrift in seine Landessprache zu übersetzen. Diese erschien 1173 und veränderte das Lebens des Kaufmanns fundamental. Von da an, nachdem er die Inhalte eigenständig erfasst hatte, beschloss er sein Hab und Gut den Armen zu geben, um fortan wie Jesus zu leben. Männer und Frauen fühlten sich durch ihn inspiriert und taten es ihm gleich. So viel zu einem Menschen, der durch das, was er mit eigenen Augen im Glauben erblickte, etwas veränderte. Eine Veränderung, die einem Vorbild folgte, welches menschlicher, empathischer, rücksichtsvoller und dem Grundsatz der „Nächstenliebe“ nicht näher sein könnte. Doch, und das ist das Tragische daran, forderte er, der es wagte sich gegen die Kirche mit all ihrer Macht und autoritären Sichtweise zu stellen, damit jene heraus, die um ihre autoritären Positionen fürchteten. Denn Glaube war zu jener Zeit absolut. Das gesamte Leben sollte sich danach richten. Die Rechtsprechung wurde, je nach der Gemütslage des von Gott ersonnenen Herrschers, nach angeblich „göttlichen“ Maßstäben angewandt, und diente dennoch rein menschlichen und teils machterfüllten Absichten. Andersgläubige, Andersdenkende, Konvertiten oder jene, die vom Glauben abfielen, wurden als Ketzer bezeichnet, verfolgt und teils elendig und qualvoll abgeschlachtet. Wenn man sich die Taten jener betrachtet, die sich während der Religionskriege Europas derer annahmen, die frei im Glauben sein wollten, so sieht man Parallelen zu Konflikten im Nahen Osten. Der „Islamische Staat“, mit seinem sunnitisch – wahhabitisch geprägten Machtanspruch absolut zu sein, macht nichts anderes. In der Welt des Islams, zumindest in vielen Strömungen, findet auch in der heutigen Zeit eine Trennung zwischen Gläubige und Ungläubige statt; manifestiert in den Taten jener, die nur ihren eigenen Glauben akzeptieren und Religion damit zum Politikum erheben. Autokraten, die sich einst als säkular darstellten, folgen diesem Muster ebenso und entfachen einen Krieg, der angeblich dem „wahren“ Glauben dient. In diesem Sinne ist das syrische Assad-Regime mit seinen unzähligen Folterkammern nur die andere Seite der Medaille. Beide beanspruchen die Wahrheit über den Glauben für sich. Im Ringen um die Macht werden jene aufgerieben, die schon immer unter Bedrängnis lebten. Denn egal ob Christen, Konvertiten, Andersdenkende, Reformer… allesamt werden sie vor die Wahl gestellt sich für eine Seite zu entscheiden. Wählen sie den Weg der Freiheit, des Individuums, verankert in der Auffassung frei über Geist und Körper entscheiden zu dürfen, bleibt ihnen, sofern sie nicht in einer funktionierenden Demokratie leben, nichts anderes als zu kämpfen, in den Krieg zu ziehen und ja, auch wenn man es aus der Sichtweise des Europäers nicht akzeptieren möchte, sie werden auch „töten“ müssen um nicht „getötet“ zu werden.
 
So erinnere ich mich an jenen kühlen April im Jahre 2015 in Syrien, als ich mit Simon, einem ausgebildeten Scharfschützen, der einst Lehramt studieren wollte, auf dem Dach eines Hauses in einem Dorf saß und auf die andere Seite spähte. Der IS hatte nur wenige Wochen zuvor das christliche Tal, in dem das Dorf liegt, eingenommen und alle Christen vertrieben, als Geiseln genommen oder medienwirksam hingerichtet. Und so saßen wir nun auf dem Dach dieses Hauses, getrennt durch einen Fluss von der gegenüberliegenden Seite, wo die Wächter des IS ausharrten.
 
 
Die Ruhe war trügerisch und wir bemerkten, dass auch wir beobachtet wurden. In diesem Moment nahm Simon eine bessere Position ein und zielte mit Zielfernrohr, geübt und geschickt, auf etwas auf der anderen Seite, das ich nicht erkennen konnte. Nach einer gefühlten Ewigkeit, ich wartete nur darauf dass der Abzug betätigt wird, ich den Knall vernehme und die Patronenhülse durch die Gegend fliegen sehe, legte der junge Scharfschütze, der einmal Lehrer werden wollte, das Gewehr wieder ab und meinte, dass man sich darauf geeinigt hätte, nicht aufeinander zu schießen. Offen gesagt: ich bin mir bis heute nicht sicher was mit dieser Aussage gemeint war. Im Anschluss an dieses Erlebnis fragte ich Simon, wie viele Menschen er schon erschossen habe. Er zählte sieben auf, blickte mich betrübt an und ergänzte:
 
„Jedes Mal, wenn ich den Abzug drücke, stirbt ein Teil von mir. Doch was sollen wir machen. Sie lieben den Tod, wir lieben das Leben.“
 
Jene, die verfolgen, werden das Ende des Krieges und des damit verbundenen Leides niemals erfahren, wenn sie nicht gewillt sind, Vielfalt im Glauben auf Augenhöhe zu akzeptieren.
  
Und jene, die verfolgt werden, werden niemals aufhören zu kämpfen, jeder auf seine Art, wenn sie nicht das gleiche Recht wie alle jene erlangen, die sie augenscheinlich aus religiös motivierten, aber dennoch von Macht erfüllten Gründen auslöschen wollen.
 
Die gleiche fatale Glaubensrhetorik lässt sich in verschiedenen Abstufungen auf die unterschiedlichen, facettenreichen Konflikte unserer heutigen Welt übertragen. Sei es nun im US Wahlkampf, in dem ein populistischer Noch-Präsident die Welt in „die“ oder „ich“ spaltet, anstatt zu vereinen. Weitergehend mit dem Konflikt in Berg Karabach, welcher von türkischen und aserbaidschanischen Politikern dazu instrumentalisiert wird, einen angeblich islamisch – christlichen Konflikt auszutragen. Bis hin zum Glaubenskonflikt zwischen Schiiten und Sunniten, welcher den Hegemonialinteressen der Erzrivalen Saudi Arabien und Iran dient. Die Verlierer sind all jene, die sich nicht wehren können und sich nur für eines entscheiden möchten: nämlicher den Weg des Friedens, und nicht den der Spaltung.
 
Nichts anderes hat Waldes im 12. Jahrhundert getan, als er sich dazu entschloss, dem Beispiel eines Friedensstifters zu folgen. Vielleicht sollten wir uns, egal an was wir nun glauben mögen, daran ein Beispiel für die heutige Zeit nehmen.
 
Simon Jacob
 
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Anfragen sind zu richten an: ZOCD, Frau Daniela Hofmann, Rechte Brandstr. 34, 86167 Augsburg, Tel. 089 24 88 300 52, info@zocd.de