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Autor: Simon Jacob, erschienen im Impulse 2/2012, Christlicher Hilfsbund e.V.
Ort: Deutschland
Kategorie: Printmedien
Rubrik: Politik, Minderheiten
Datum: 30.05.2012
Portal: www.simonjacob.info
Textdauer: ca. 9 Min.
Sprache: Deutsch
Titel: Syrische Christen - Zwischen den Mühlen zweier Konflikte
 
 
 

Syrische Christen - Zwischen den Mühlen zweier Konflikte

Simon Jacob, 1978 im Tur Abdin geboren, kam als Kind mit seinen Eltern aufgrund der religiösen und ethnischen Spannungen in der Türkei nach Deutschland. Seit zwei Jahren ist er hier als Integrationsbeauftragter der Syrisch-Orthodoxen Kirche tätig. Durch seine zahlreichen Reisen und durch seine Kontakte - sowohl innerhalb seiner Kirche als auch darüber hinaus - ist er gut informiert über die Situation der Christen in Syrien. Für Hilfsbund-Impulse lässt er uns teilhaben an ihrer Deutung der derzeitigen Lage.

Wie so oft geraten auch in Syrien wie-der einmal meist die einfachen Menschen zwischen die Fronten der Konfliktparteien, die alle nicht zimperlich mit der Bevölkerung umgehen. Oft wird in der westlichen Welt jedoch nicht wahrgenommen, dass es beim Konflikt in Syrien noch zwei verschiedene Ebenen der Auseinandersetzung im Hintergrund gibt.

Der innerislamische Konflikt

Die erste Konfliktebene bezieht sich auf die unterschiedliche Sichtweise der zwei größten islamischen Strömungen. Die eine Seite dieses religiösen Konfliktes bilden die Angehörigen der zweitgrößten Religionsrichtung des Islams, der Schia. Auch die in Syrien regierende Minderheit der Alawiten, der auch der jetzige „noch“- Staatslenker Baschar al-Assad angehört, sieht ihren Ursprung im schiitischen Islam. Das Zentrum des schiitischen Islams allerdings liegt im Iran. Resultierend daraus betrachtet der Iran Syrien als Bruderstaat und ist fest entschlossen, seinen Einfluss dort beizubehalten. Zumal man über diesen auch Einfluss auf den Libanon und die dortige - ebenfalls schiitische - Hisbollah ausüben kann.

Auf der anderen Seite steht die Sichtweise der Sunniten, der größten Strömung des Islam, die eines ihrer Machtzentren in Saudi-Arabien hat.

Syrien nun wird zwar von einem Familienclan regiert, der eher dem schiitischen Islam zuzurechnen ist die große Mehrheit der Muslime im Land gehört aber dem sunnitischen Islam an. In Syrien gibt es deshalb einen innerislamischen Konflikt zwischen den Machtzentren der größten islamischen Strömungen: Nämlich dem schiitischen Iran auf der einen Seite und dem sunnitischen Saudi- Arabien auf der anderen Seite.

Der Konflikt um gegensätzliche Interessen Russlands und des Westens

Der zweite Konflikt hat damit zu tun, dass noch ganz andere Mächte sehr gewichtige strategische und wirtschaftliche Interessen an Syrien und dessen zukünftiger Ausrichtung haben. Auf der einen Seite sind da die Interessen des Westens; in diesem Fall besonders die USA und Israel, die den Iran bändigen möchten. Ein offener Krieg gegen diesen von schiitischen Klerikern regierten Staat könnte die gesamte Region destabilisieren mit unabsehbaren Folgen. Deshalb verspricht die Taktik einer Einkesselung bzw. einer territorialen Isolierung des Iran mehr Hoffnung auf Erfolg. In der arabischen Welt hat der Iran nicht mehr viele Verbündete. Außer Syrien und dem - derzeit maßgeblich von der Hisbollah regierten - Libanon steht das Land alleine da. Deshalb spielt auch hier Syrien und sein Verhältnis zum Iran eine wichtige Rolle.

Auf der anderen Seite stehen die Interessen Chinas und Russlands. Russland, traditionell ein Verbündeter des Regimes in Syrien, hat dort z.B. in Tartus immer noch einen Marinestützpunkt, auf den man - wegen des wichtigen Zugangs zum Mittemeer - auch in Zukunft nicht verzichten möchte. Die Gründe, die hinter der Ablehnung der UN-Resolution gegen Syrien durch Russland und China stehen, sind hier zu suchen.

Die Situation der Christen und anderer Minderheiten

In der arabischen Welt besitzt Syrien die zweitgrößte Anzahl von Christen (nach Ägypten). Sie gehören unterschiedlichen Kirchen und Denominationen an. Obwohl der Islam in dieser arabischen Republik nicht Staatsreligion ist, erklärt die syrische Verfassung das islamische Recht als Quelle der Gesetzgebung. Und der Staats-lenker muss per Gesetz dem Islam angehören. Trotzdem wurden verfassungsrechtlich den Christen in Syrien mehr Freiheiten gewährt als in den allermeisten anderen arabischen Ländern.

Gottesdienste konnten abgehalten und christliche Feste gefeiert werden, wie z.B. Ostern und Weihnachten. Sogar Straßen durften zu Weihnachten nach westlich-christlichem Stil geschmückt werden. In Syrien konnten bisher auch christliche Schulen geführt werden und der Staat förderte diese kirchlichen Einrichtungen sogar (z.B. durch die Übernahme von Strom- und Wasserkosten). Für die regierende Minderheit der Alawiten war die christliche Minderheit eine wichtige Hilfe, die innere Stabilität des Landes aufrechtzuerhalten. Deshalb stellte schon der Vater des jetzigen Staatspräsidenten sich öffentlich an die Seite der Christen. Diese für den Nahen Osten vergleichsweise großen Freiheiten gingen allerdings nur soweit, solange niemand in den Verdacht kam, gegen das Regime agieren zu wollen.

Hier zeigten sich dann wieder die Grenzen der Autokratie, die es Andersdenkenden nur schwer erlaubte, von der festen Sichtweise der Regierung abzuweichen. Auch war es verboten, Mission zu betreiben, und insbesondere die Situation von Muslimen, die zum Christentum konvertierten, war sehr schwierig, der gesellschaftliche und familiäre Druck auf Konvertiten immens.

 

Trotzdem kann man sagen, dass die Christen in Syrien vergleichsweise relativ große Freiheiten besaßen und alles in allem ein friedliches Zusammenleben gewohnt waren. Das aber kann sich nun abrupt ändern.

Nach Ansicht mancher Teile der Opposition sind die christlichen Minderheiten Begünstigte und Profiteure des Assad-Regimes. Bedingt durch diese Sichtweise sind die Christen nun einer im-mensen Gefahr ausgesetzt. Die brutale Niederschlagung der Aufstände durch die Staatstruppen hat die Kirchen in eine sehr sensible Lage gebracht: Stellt sich die christliche Bevölkerung gegen Assad und bleibt dieser an der Macht, wird sie wohl alle ihre Freiheiten ein-büßen. Halten sie sich aber weiterhin zum Regime, könnte dies zu einer extremen Anfeindung durch die Regime-Gegner führen. Und sollte Assad tatsächlich gestürzt werden, hätten die Christen von einer neuen - dann vermutlich islamistischen Regierung - wohl auch nichts Gutes zu erwarten.

Auf diesem Hintergrund, aber auch mit der schlimmen Situation der Christen im Irak und in Ägypten vor Augen, sehen sich die syrischen Christen in einer ausweglosen Situation.

Ein Bild der Zerstörung

Schon jetzt sind Berichte über die Zerstörung von Kirchen eingetroffen. Häuser christlicher Familien, die fliehen mussten, werden von der Opposition besetzt - und das mit der Begründung, dass Christen in Syrien keinen Platz mehr haben. Aus Homs hörte man, dass Christen als menschliche Schutzschilde missbraucht wurden, verbunden mit der Beschuldigung, dass sie Kollaborateure der Regierung seien.

All das erinnert erschreckend an die blutigen Ereignisse im Irak, wo die Christen so grausam verfolgt und dezimiert wurden - wobei man nicht vergessen sollte, dass es die alawitische Minderheit in Syrien sogar noch schlimmer treffen könnte als die Christen.

Fragt man die einfachen Menschen in Syrien nach ihrer größten Sorge, so heißt es immer wieder, dass man ein zweites Irak verhindern müsse. Noch immer leben christliche Flüchtlinge aus dem Irak in Syrien. Müssen sie sich nochmal auf blutige Verfolgung und eine weitere Flucht einstellen? Wohin aber?

 

Simon Jacob

 

 

Buchtipp:

 

Seit Jahren reist Simon Jacob durch Länder wie Syrien, Irak oder Iran. Als Angehöriger eines wichtigen Clans gelangt er an Orte, die für andere nie zuganglich waren. Dort spricht er mit Menschen, immer auf der Suche: der Suche nach Frieden, auch seinem eigenen Inneren. Seine Reise schildert auch die Schrecken dieser Kriegsgebiete. Aber mehr noch zeigt dieses Buch, dass und wie Friede wirklich möglich ist. Eine Botschaft, die vor allem in diesen Tagen Mut und Hoffnung macht und motiviert, zu kämpfen für eine bessere Zukunft und für etwas, was Simon Jacob ausgerechnet im Irak und in Syrien wiedergefunden hat: Menschlichkeit.

 

 

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