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Autor: Mina Ghattas
Ort: München, Deutschland
Kategorie: Artikel
Rubrik: Gesellschaft
Datum: 19.07.2019
Portal: www.zocd.de
Textdauer: ca. 8 Min.
Sprache: Deutsch
Titel: Veranstaltung der AG „Christinnen und Christen in der SPD“ im Bayrischen Landtag

 

Veranstaltung der AG „Christinnen und Christen in der SPD“ im Bayrischen Landtag

 

Am Freitag, den 19. Juli 2019 fand im Bayrischen Landtag das Forum: „Christinnentag im Bayrischen Landtag“ mit dem Thema „Sind wir eine grenzenlose Gesellschaft?“ statt. Organisiert worden war dieses Forum von der SPD-Landtagsfraktion unter Federführung der Landtagsabgeordneten Diana Stachowitz.

Es ging insbesondere um die Problematik, wo Christen „rote Linien“ in den Zusammenhängen von Pränataldiagnostik, Organspende, Sexualität und sexuellem Missbrauch einzuziehen haben. Die Themen wurden anhand von zwei Vorträgen dargestellt und diskutiert.  Mehr als 100 religiös engagierte Christen aus kirchlichen und weltlichen Organisationen nahmen teil. Der Zentralrat der Orientalischen Christen (ZOCD) wurde durch Mina Ghattas vertreten.

Im ersten Vortrag lieferte die Juristin Frau Dr. Anja Lunzes ein eindrucksvolles Zeugnis ihrer Krankengeschichte. Frau Dr. Lunzes hatte erfolgreich eine Lungentransplantation durchlebt. Sie schilderte ihre Gefühle, die sie gegenüber dem Organspender und dessen Angehörigen entwickelt hatte. Als Mutter einer 2-jährigen Tochter wurde ihr ein Weiterleben durch die Organspende ermöglicht, die aber nur zustande kommen konnte, weil vor seinem Tod ein anderer Mensch seine Bereitschaft zur Transplantation erklärt hatte. Die Darstellung ihrer inneren  psychologischen Befindlichkeiten verdeutlichte, welche Hoffnung und Freuden mit der Chance auf ein Weiterleben für einen Menschen im Rahmen einer Organspende verbunden sind. Für Christen stellen sich moralisch-ethische Fragen wie z.B.: „Was kann es bedeuten, als möglicher Organspender für andere einen Beitrag zur Humanität und Nächstenliebe zum Ausdruck zu erbringen?“ „Wie schaffen wir Ängste ab und verhindern gerade bei Organknappheit eine Kriminalisierung der Organspende, vor allem: Welchen Beitrag kann eine Gesellschaft leisten, sich dieser Thematik sozial-verantwortlich zu stellen?“ Der sehr lebendig emotionale Vortrag zu diesem schwierigen Thema stieß auf reges Interesse des Publikums und wurde anschließend intensiv diskutiert.

Im zweiten Vortrag ging es um „Sexuellen Missbrauch innerhalb der Katholischen Kirche im Erzbistum München und Freising mit den Ergebnissen aus der MHG Studie.“ Darüber hinaus wurde die aktuelle Präventionsarbeit im Erzbistum München und Freising dargestellt.“ Es berichtete die Präventionsbeauftragte des Erzbistums  Frau Lisa Dolatschko-Ajjur.

Die Studie hatte sich damit beschäftigt, Art und Umfang sexueller und sonstiger körperlicher Übergriffe durch Priester, Diakone und pastorale Mitarbeiter/-innen im Verantwortungsbereich der Erzdiözese München und Freising zu dokumentieren. Es handelte sich um den Untersuchungszeitraum 1945-2009. Im Rahmen der Studie wurden 13.200 Akten aufgearbeitet. Dabei wurden auch solche Akten berücksichtigt, die in geheimen kirchlichen Archiven eingelagert waren und durch kirchliche bzw. Ordensmitarbeiter bereitgestellt wurden. In 365 Akten konnte man Hinweise auf möglichen sexuellen Missbrauch finden. Der Auftrag zur Aufarbeitung der Akten fiel an die Sozietät Westphal und Kollegen. Insgesamt wurden 38.156 Akten gesichtet, insbesondere Personalakten. Bei 4,4 %  aller Kleriker stellte man erste Hinweise auf Missbrauchstaten fest. 3677 betroffene Kinder und Jugendliche wurden identifiziert. Eine durchschnittliche Opferzahl von 4,7 Opfer pro Täter (Höchstzahl in einem Fall 44 Opfer) war zu verzeichnen. 62 % der Opfer waren männlich.

Der Sachverhalt, dass sexuelle Übergriffe jahrzehntelang vertuscht werden konnten, liegt nach Meinung der Fachleute in einem falschen klerikalen Selbstverständnis begründet, das  sich vorzugsweise dem Schutz des eigenen Standes verpflichtet fühlt. Auf diese Weise wurde institutionell wiederholt ein erhebliches Desinteresse an der Aufklärung von Straftaten deutlich, nicht selten verbunden mit einer Verharmlosung von Schäden, welche die Opfer erlitten hatten. Oberste Priorität schien häufig der Schutz der Institution und nicht der Opfer zu haben. Auch die weiterführende Untersuchung von Anfangsverdachten wurden recht häufig nur zurückhaltend verfolgt.

In der Rechtsprechung konnten zudem bei Verfahren gegen Laien gravierende Differenzen im Vergleich mit Priestern und kirchlichen Mitarbeitern festgestellt werden. Während Laien häufig auch bei nur geringfügen Vergehen strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurden, passierte dies bei Funktions- und Würdenträgern aus dem kirchlichen Bereich weitaus weniger. Den kirchlichen Personen kam hier wohl ein institutioneller Amtsbonus zugute.

Bei den Persönlichkeitsmerkmalen der Täter standen psychisch und physisch gering belastbare Persönlichkeiten im Vordergrund. Das Durchschnittsalter zum Tatzeitpunkt lag zwischen 45 und 65 Jahren. Nicht selten war Alkohol zum Tatzeitpunkt im Spiel. Ländliche Regionen waren stärker als städtische Regionen von Missbrauchsdelikten betroffen.

Insgesamt 96 Religionslehrer im Kirchendienst wurden auffällig, aber nur 1 Religionslehrer wurde verurteilt. 159 Priester konnten wegen Missbrauchsdelikten identifiziert werden, dazu 15 Diakone. Nur ein Diakon wurde jedoch wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Sechs Personen aus dem Kreis der Gemeinde- /und Pastoralreferenten, Seelsorgehelfer und Jugendpfleger wurden erkannt.

Insgesamt ist auffällig, dass es nur eine kleine Zahl von Verurteilten gibt. Wahrscheinlich gibt es hohe Dunkelziffern, die im Rahmen der Untersuchung und auch strafrechtlich nicht erfasst wurden.

Ohne die Untersuchungen des Erzbistums wären allerdings ca. 50 Prozent der Fälle unentdeckt geblieben. Bei 53 Prozent der Fälle wurde allerdings kein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet. 20 Prozent der missbrauchenden Priester wechselten ins Ausland oder wurden strafversetzt, vielleicht auch, um sich einer Verfolgung oder weiteren Überprüfung zu entziehen. Dies geschah, obwohl die Rahmenbedingungen zu Prävention inzwischen verabschiedet wurden.

Die Beraterstäbe wurden verpflichtet, eine Klärung der individuell einzuleitenden Schritte bei gemeldeten Fällen sowie eine kritische Supervision der Präventionsarbeit umzusetzen.Handlungssicherheit zu Interventionsschritten bei sexuellen Grenzverletzungen, Übergriffen und sexuellem Missbrauch sollen durch einen Präventionsbeauftragten gesichert werden, der mit  zwei interdisziplinären Beraterstäben eng zusammenarbeitet. Auch Fort- und Weiterbildungen von kirchlichen Mitarbeitern und Betroffenen sollen umgesetzt werden.

Es war eine sehr gelungene Veranstaltung mit wichtigen Impulsen zum Tag der Christinnen in München und für den ZOCD eine gute Möglichkeit mit den Teilnehmern Kontakte in Richtung der kirchlichen und gemeinnützigen Träger zu verbessern.

 

Mina Ghattas

Vorstandsmitglied ZOCD